Blinde werden sehen, Gelähmte gehen und Taube hören....

29 May 2010

Die Technologie macht wahnsinnige Fortschritte. Jeder kennt die Bilder von Läufern mit Karbon-Prothesen. Es ist unglaublich, wie schnell jemand ohne "echte Füße" rennen kann. Man liest auch schon viel über Implantate um Blinde wieder sehen zu lassen.

Es gibt aber eine weitere Technik, die schon oft sehr erfolgreich genutzt wird, ohne das wirklich viele es mitbekommen. Man kann viele Gehörlose wieder hören lassen mit einem "Cochleaimplantat".

Bei einem Cochleaimlantat wird vereinfacht gesagt ein "Draht" in die Hörschnecke des menschlichen Ohres eingeführt. Dieser Draht regt dann die Nervenenden in der Hörschnecke elektrisch an und schon hört man wieder etwas. So sieht das ganze schematisch aus:

Es gibt jetzt allerdings 2 Probleme bei der ganzen Sache:

  • Die Nervenenden, die man anregen will, sind sehr klein. Und umso feiner der Bereich ist, den man stimuliert, umso feiner aufgelöst ist das Hörvermögen. Wir reden hier von Größen, in denen Millimeter riesig sind.
  • Man muss den neuen "Input" für das Gehirn erlernen. Selbst wenn man schon einmal gehört hat, muss sich das Gehirn neu an die anderen Reizen gewöhnen.

Wie gut das ganze funktioniert? Da man noch nicht fein genug arbeiten kann (schließlich ersetzt man die Härchen in der Schnecke), kann man natürlich nicht so gut hören, wie jemand mit einem gesunden Ohr. Und das ganze funktioniert nur, wenn das Problem im Hörapparat nicht die Übertragung des Hörnerves oder im Gehirn zu suchen ist (Dafür gibt es aber andere Implantate, die da helfen könnten).

Um so früher man das Cochlearimplantat einsetzt, umso besser für die Hörentwicklung der Person. Natürlich mit dem Nachteil das bei Kindern die OP regelmäßig wiederholt werden muss, da ja die Hörschnecke wächst und der "Draht" nicht mit wachsen kann. Bei gehörlosen Kindern, die älter als 8 Jahre sind, hilft die OP sogar kaum noch. Man muss das Implantat also wirklich früh einsetzen.

Und so sieht das dann aus, wenn ein Kleinkind die ersten Töne seiner Mutter hört:

Würde ich diese OP auch machen lassen? Mittlerweile ja. Die Technik ist weit genug, um wirklich gut zu funktionieren. Die Risiken sind für mich tragbar.

Anders sieht es aus, wenn man Gehörlose fragt. Bei vielen Gehörlosen gibt es eine starke Ablehnung des CIs. Gehörlose lehnen es ab? Ja. Es gibt sogar Bewegungen innerhalb der Gehörlosenkultur, die das CI als Untergang der Kultur sehen und alles tun, um Eltern vorzuwerfen, sie würden unverantwortlich handeln, wenn diese das CI implantieren. Teilweise werden CI-Träger genauso behandelt wie ein Schwuler in einem Fussballclub :( .

Es geht sogar einen Schritt weiter. Man unterstellt diesen Eltern "Audismus", eine Diskriminierung von Behinderten. Die extremsten Menschen dieser Bewegung sieht sich als eigene ethnische Gruppe und unterstellt Rassenhass. Warum das ganze? Wenn die Technik sich weiter so gut entwickelt, wird es nämlich bald kaum noch Gehörlose geben. Und diese befürchten jetzt, das die Kultur der Gebärdensprache verloren geht. Aber anderen Menschen intoleranz vorwerfen und dabei gleichzeitig zu zeigen, selber intolerant zu sein, ist schon eine schöne Nummer wink .

Ich kann die Befürchtung der Gehörlosen verstehen. Ich liebe die Gebärdensprache. Gehörlose sind für mich auch nicht Menschen 2. Klasse. Meine Eltern sind gehörlos und leben sehr sehr gut damit. Aber ich kann auch sehen, wie viel einfacher ein Leben mit Gehör ist. Und warum sollte man es seinem Kind absichtlich schwer machen? Ich gebe meinem Kind ja auch nicht eine Aldi-Tüte als Schulranzen, um es absichtlich abzuhärten in der echten Welt. Wenn Ich meinem Kind helfen kann, besser zurecht zu kommen, dann mache ich das auch.

Also liebe Eltern, lasst euch nicht von den Gehörlosen von dieser OP abbringen. Fragt Ärzte und Menschen, die diese OP hinter sich haben. Ja, die OP hat Risiken. Wenn euch diese nicht genannt werden, geht zu anderen Ärzten. Holt euch weitere Meinungen ein. Aber bitte wissenschaftliche. Nicht die von Leuten, die "aus Prinzip" dagegen sind.

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